Die Idee vom egoistischen Gehirn

1987 durfte ich mit meinem DFG-Auslandsstipendium in Toronto forschen. Zu jener Zeit war in der Medizin noch völlig unklar, wie Insulin und Blutzucker im Körper reguliert werden. In den Bereich des Spekulativen begaben sich jene, die die Rolle des Gehirns bei diesen Prozessen beschreiben wollten.

Kurzum: Die Voraussetzungen für mein geplantes Forschungsprojekt waren nicht die besten. Ich erinnere mich noch sehr genau, als ich an einem strahlenden Morgen in Toronto auf dem Weg zur Arbeit am bekannten Hospital for Sick Children an einer großen Kreuzung mit der für Amerika typischen, zentral über der Kreuzung angebrachten Ampel anhielt.

Autos fuhren von links nach rechts, dann von vorn nach hinten. Eigentlich eine triviale, alltägliche Situation. Aber sie ließ in mir eine Idee keimen. Ich dachte mir, dass möglicherweise eine Energiestraße von den Speicherdepots aus ins Gehirn und eine andere Energiestraße in den Körper führt. Dann müsste es irgendwo im menschlichen Organismus einen Ampelschalter geben, der die Energieflüsse reguliert.

Plötzlich empfand ich ein tiefes Glück und das Gefühl, in diese Richtung forschen zu müssen.

Aufgeregt lief ich in mein Forschungslabor und fand in einem mathematischen Buch eine Ampelschaltung dargestellt. Diese Ampelschaltung, die mir half, mein damaliges Forschungsproblem zu lösen, hat mich seit dieser Zeit immer begleitet. 

 

Gut zehn Jahre später – inzwischen war ich schon junger Hochschullehrer in Lübeck – hatte ich ein neues Forschungsproblem zu lösen: Wie entsteht das Dicksein beim Menschen?

In die zahlreichen veröffentlichten Forschungs-ergebnisse war einfach keine Ordnung zu bringen. Da fiel mir die Ampelschaltung wieder ein. Und tatsächlich hatte ein Jahr zuvor der Neurophysiologe Professor Dave Spanswick aus Aberdeen den Ampelschalter im Hypothalamus des Gehirns entdeckt (Publikation im Fachblatt Nature, 1997). Meine Einsicht mit der Ampelschaltung markiert die Geburtsstunde der Theorie vom "Egoistischen Gehirn". In den Folgejahren bestätigten mir die weltweit führenden Experten der Stress- und der Gewichts-Forschung, wie z.B. die First Lady der Stressforschung Mary Dallman aus San Francisco oder die Nr. 1 der Adipositas-forschung Stephen C. Woods aus Cincinnati, dass sogar experimentelle Befunde, die bislang unverstanden geblieben waren, mit Hilfe meiner neuen Idee erklärbar seien. Durch mehrere dieser hochkarätigen Beurteilungen ermutigt, baute ich an der Universität zu Lübeck ein Netzwerk aus verschiedenen Fachdisziplinen zu Gehirn, Stress, Körpergewicht, Diabetes, Schlaf und Gedächtnis, Emotionen und Mathematik auf.

2004 gelang es, im Begutachtungsprozess der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine interdisziplinäre Klinische Forschergruppe zum „Egoistischen Gehirn“ mit 18 Professoren, 20 promovierten Wissenschaftlern und 100 Doktoranden an der Universität zu Lübeck einzurichten.

2010 – nach siebenjähriger Forschung unserer Gruppe – wurde schließlich klar, dass Menschen deshalb dick werden, weil bei ihnen ein Versorgungsengpass des Gehirns vorliegt. Zudem wurde deutlich, dass dicke Menschen in stressvoller Umgebung "stress-resistent" sind. Dadurch können sie selbst unter schwierigsten Lebensbedingungen überleben. Dicksein ist somit nicht als Krankheit zu verstehen, sondern Ausdruck eines genialen Anpassungsmechanismus des Gehirns: Ein Schutz, der uns gegen Stress widerstandsfähig macht.